Das Mädchen Hope

Gegen 22 Uhr treten schwere Militärstiefel gegen die Tür der Holzhütte. Die damals zwölfjährige Hope schreckt aus dem Schlaf. Und erkennt in der Dunkelheit Jungen in Militärhosen mit angelegtem Gewehren. Kinder wie sie, die vom ugandischen Anführer Joseph Kony entführt und zu Kämpfern der „Widerstandsarmee des Herrn“ ausgebildet werden, weil sie leichter zu manipulieren sind. Mit dem Ziel, die ugandische Regierung zu stürzen.

Auch Hope steht in dieser Nacht des 12. Dezembers 1996 das Schicksal einer Kindersoldatin bevor; ein 21 Monate währendes Leid, das die Grenzen des Vorstellbaren sprengt. Die Kindersoldaten töten Hopes Großvater mit einem Schuss in die Stirn. Dann verschleppen sie das Mädchen, ihren kleinen Bruder und den Vater zusammen mit 40 anderen Kindern in ihr Lager.

200 Kilometer weit, zwei Wochen lang müssen die Gefangenen barfuß durch den Dschungel laufen, um das Hauptquartier der Widerständler an der Grenze zum Südsudan zu erreichen. Den zweiwöchigen Marsch wird Hope nie vergessen. Denn sie muss mit ansehen, wie viele der Kinder vor Erschöpfung zusammenbrechen, erschossen werden oder beim Durchqueren des Weißen Nils ertrinken. Die blutjungen Soldaten schauen nur achselzuckend zu – die Kinder seien eben zu schwach gewesen...

Doch der Gipfel der Grausamkeit soll noch kommen: Als Hopes Vater das Tempo der Gruppe nicht mehr mithalten kann, brüllt der junge Anführer Hope an: „Mädchen! Schlag das Schwein tot. Dann haben wir endlich Ruhe vor dem Schwächling. Wenn du nicht sofort machst, was ich dir befehle, bist du als Nächstes dran. Und dein blöder Bruder auch.“ Hope zuckt zusammen, doch dann liest sie in seinen seelenlosen Augen die bestialische Entschlossenheit. Und so geht das Mädchen langsam auf ihren geliebten Vater zu und schlägt ihn wie von Sinnen zusammen. Tritt auf seinen Kopf, bis er sich nicht mehr rührt.

Wie ferngesteuert stolpert sie weiter durch den Dschungel. Die Zwölfjährige hat die erste Probe der Unmenschlichkeit bestanden. Hat eine unverzeihliche Tat begangen, die es ihr von jetzt an verbietet, in ihr Dort und zu ihrer Familie zurückzukehren. Doch noch versteht Hope nicht, dass ihre Entführer genau das erreichen wollen. Hope weiß zu diesem Zeitpunkt auch nicht, dass ihr Vater zwar schwer verletzt, aber nicht tot ist. Er wird von Soldaten der regulären ugandischen Armee entdeckt und in eine Krankenstation gebracht, wo man ihn gesund pflegen kann.

Für Hope und ihren Bruder James geht die Hölle weiter. Das Mädchen ist gebrochen. Stellt sich immer wieder die verzweifelte Frage: „Was habe ich nur gemacht? Ich habe meinen Vater getötet. Ich habe meinen eigenen Vater ermordet. Er war immer so gut zu mir. Meine Mutter wird mir das niemals verzeihen. Gott wird mir das niemals verzeihen. Ich möchte sterben.“

Angekommen im Hauptquartier der Kinderarmee wird Hope darauf gedrillt, mit Gewehren unzugehen. Und sie lernt, ihre Gefühle zu verbergen. Nicht weinen. Auch nicht, wenn sie mit ihrer Kalaschnikow Frauen, Männer und Kinder bedroht und ermordet, um sie anschließend auszurauben. Von einer anderen Soldatin bekommt sie den überlebenswichtigen Tipp: „Rede mit niemandem. Mache nie den Anschein, dass du nachdenkst. Die Aufseher denken sonst, dass du deine Flucht planst, und erschießen dich.“

Gehorchen. Sich der Gewalt der Machthaber fügen. Ertragen, dass viele der Kindersoldaten sterben, dass ihr Bruder bald nicht mehr da ist – vermutlich bei einem Überfall getötet. All das gehört zur Tagesordnung. Und bald muss Hope ihrem Militärführer noch auf andere Weise dienen. Als „Lieblingsfrau“ wird sie brutal gequält und vergewaltigt.

Doch dann, am 14. September 1998, nach fast zwei Jahren Gefangenschaft und Morden, gelingt Hope die Flucht. Bei einem Überfall kann sich das schwangere Mädchen absetzen und bittet einen Missionar um Hilfe. Als der Priester sie fragt, wo sie herkommt, bricht Hope zusammen. Weint stundenlang. Endlich fällt die unbeschreibliche Last von ihr ab. „Ich habe euch überfallen. Sollte euch töten. Bitte schickt mich nicht zurück. Ich will nach Hause."

Der Missionar bringt das Mädchen daraufhin zu World Vision, einer Organisation, die in Gulu ein Zentrum für ehemalige Kindersoldaten unterhält. Doch es dauert noch endlose Gespräche, bis Hope die schrecklichen Geschehnisse los wird. Verarbeitet hat sie sie bis heute nicht ganz. Aber es hat ihr geholfen, ihre Familie wiederzusehen. Und zu spüren, dass Mutter und Vater ihr vergeben haben.

Hope lebt aus Sicherheitsgründen jedoch in der weit entfernten Stadt Gulu, um ihr Abitur zu machen. Neben der Schule ist sie Mutter der siebenjährigen Maria. Und obwohl das Kind Ergebnis der furchtbaren Vergewaltigungen ist, liebt Hope ihre kleine Tochter: „Sie ist meine Zukunft. Ugandas Zukunft. Gottes größtes Geschenk“

Autor: Gitta Schröder

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  Das Mädchen Hope, 23 J.
Als Kindersoldatin und Sexsklavin musste sie schier unerträgliches Leid erdulden und wurde Zeugin der Gräueltaten an ihrem eigenen Volk und ihrer eigenen Familie.
 
     
 

Hopes Geschichte – hart aber wahr – beschreibt der international ausgezeichnete Journalist Sönke C. Weiss in seinem Buch „Das Mädchen und der Krieg – Die Geschichte einer Kindersoldatin“. Mit einem Vorwort von Wolfgang Niedecken, Botschafter der Aktion „Gemeinsam für Afrika“.


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